Freitag, 24. Oktober 2014

Dienstag, 17.Oktober 89



"Die „Freiheit“ bringt erstmalig eine Meldung von der Montagsdemo in Leipzig. Und unter „Kurz notiert“ folgendes:
„Ansammlung auf dem halleschen Markt
In den Nachmittagsstunden des gestrigen Tages kam es auf dem halleschen Marktplatz zu einer demonstrativen Ansammlung von etwa 1500 meist jugendlicher Teilnehmern.
Obwohl diese Veranstaltung weder beantragt noch genehmigt war, haben die Schutz- und Sicherheitskräfte nicht eingegriffen. Bei vielen Passanten löste die Ansammlung Verwirrung, Unverständnis und Unwillen aus.“


Mittwoch, 18.Oktober 89

Erich Honecker nimmt seinen Hut und Kronprinz Egon tritt sein Amt an. Der König ist tot! Es lebe der König!!!


Donnerstag, 19.Oktober 89
 
Egon hat die Wende eingeleitet. Er ging unangemeldet an die Basis und hat die armen Menschen sehr erschreckt. Am Nachmittag redete er sogar mit Kirchenchef  Bischof Leich. Die DDR-Medien werden offener.




Freitag,20.Oktober 89



Ich habe einen Tag lang Fernsehsendungen in Ost und West verfolgt:



19.30 Uhr: DDR I „Aktuelle Kamera“

-         ab Dezember Rentenerhöhungen (im letzten Jahr beschlossen)
-         der „Sputnik“ wird wieder ausgeliefert

-         in Greifswald 3 Stunden Disput mit dem Oberbürgermeister

Interview mit dem Botschafter in Polen, Wolfgang Meyer:

-         Entscheidung ist uns nicht leichtgefallen

-         Wir brauchen jeden und müssen die Ursachen ergründen.

-         Sie haben die DDR im Stich gelassen, verleitet von der BRD.

-         Die Lösung für die Botschaftsflüchtlinge in Warschau trägt zeitweiligen Charakter.

Jeder Bürger hat das Recht einen Ausreiseantrag zu stellen, großzügige Handhabung

-         Jeder der den Wunsch hat zurückzukommen, kann sich an die Staatsanwaltschaft wenden, usw. usf.

VP und Staatsanwalt zu den Vorgängen am 7./8.Oktober in Berlin:

Dr. Dietze, Stellvertr. Polizeipräsident von Berlin:

Übergriffe gab es nicht! Nur Rowdytum, ca. 60 Anzeigen...Blablabla
20.15 Uhr ARD Tagesschau

Demos in Greifswald, Rostock, Zittau u.a.(rund 10.000 Menschen)

-         in Dresden Treffen Modrow (DDR) – Mischnik (BRD)

-         Rechtsanwalt Henrich (NEUES FORUM) fordert Aufhebung der politischen Strafgesetze

-         Momber sagt: SED soll oppositionelle Gruppen anerkennen



DDR II:

ELF 99 zeigt einen Bericht von der Mahnwache an St. Georgen. Am 13.10. war bereits ein Beitrag sendebereit, er wurde nicht gesendet. Heute ist es möglich. Sie bringen den alten und den neuen Bericht. Der hallesche Moderator Jan Carpentier unterhält sich mit Pfarrer Hanewinckel von der Georgenkirche. Außerdem Interviews mit Mitgliedern der Mahnwache und Besuchern. Ein Gespräch mit dem OBM der Stadt kam nicht zustande. Er wollte nicht.

Völlig neue Töne im DDR-Fernsehen."

Auszug aus " Wer zu spät kommt... von M.Richter

Donnerstag, 16. Oktober 2014

Samstag, 14.Oktober 89


"In der "Freiheit", unserer Tageszeitung, erscheint heute folgendes Interview mit dem Chef der Prügelpolizei:

Gemeinsam mit den Bürgern für Ruhe und Ordnung sorgen Interview mit dem Leiter des VPKA, Oberst Jahnke

FRAGE: Es gibt Gerüchte, daß es am Montagabend in Halle zu gewalttätigen Ausschreitungen gekommen sei. Was ist dazu zu sagen?

ANTWORT: Es hat so was nicht gegeben. Wer von „gewalttätigen Ausschreitungen“ spricht, der war entweder nicht dabei oder redet nur nach, was er in westlichen Medien gehört hat.
Tatsächlich war die Sache so, daß sich am späten Nachmittag vor der Markt-Kirche etwa 400 Leute angesammelt hatten, die dort zum Teil mit brennenden Kerzen standen. Einige von ihnen entrollten Transparente und gaben so dem Ganzen den Charakter einer Demonstration, die nicht genehmigt war. Wir forderten diese Bürger auf, die Transparente zu entfernen- und damit die Demonstration  zu beenden. Als sie das getan hatten, ging die Gruppe von sieben Volkspolizisten wieder, was so „gewalttätig“ war, daß es sogar mit Beifall quittiert wurde. Während ein Teil der Versammelten am Gottesdienst teilnahm, formierten sich andere erneut zu einer Demonstration, die den
Verkehr behinderte und die Passanten auf dem Nachhauseweg beeinträchtigte. Wir haben daraufhin über Megaphon gebeten, den Marktplatz zu verlassen. Dieser Aufforderung kamen ca. 200 Personen, vorwiegend Jugendliche, nicht nach. Angehörige der Volkspolizei sorgten für die gewaltlose Auflösung der Ansammlung. Es konnte also keine Verletzten geben.

FRAGE: Welche polizeilichen Maßnamen haben sie noch eingeleitet?

ANTWORT: 37 Jugendliche mußten sich wegen Störung der öffentlichen Ordnung zur Überprüfung Ihrer Personalien mit auf die VP-Dienststelle kommen, sie wurden belehrt und wieder entlassen.

FRAGE: Wie ist überhaupt Ihr Standpunkt zu dieser Problematik?

ANTWORT: Wir haben die Aufgabe, die öffentliche Ordnung und Sicherheit im Interesse aller Bürger zu gewährleisten. Das tun wir mit großem Einsatz, pausenlos zu jeder Zeit, durch die Genossen der Volkspolizei, durch die Angehörigen der Feuerwehr, durch die Mitarbeiter der Kriminalpolizei, durch die Abschnittsbevollmächtigten in den Wohngebieten und natürlich durch die Genossen der Schutzpolizei. Jeder weiß, dass das im vertrauensvollen Miteinander von Volkspolizei und Bürgern geht. Wer jedoch Krawalle inszeniert, die öffentliche Ordnung verlässt, das Leben unserer Bürger gefährdet, muß mit der Härte des Gesetztes rechnen.

Nach der Erklärung des Politbüros des Zentralkomitees der SED vom

11. Oktober 1989 können die lancierten Gerüchte über angeblich gewalttätige
Auseinandersetzungen in Halle nur so zu verstehen sein, daß weiter angeheizt werden soll.

In der Erklärung des Politbüros heißt es: „Die Probleme der weiteren Entwicklung des Sozialismus in der DDR lösen wir selbst- im sachlichen Dialog und im vertrauensvollen Miteinander. Die sozialistische Arbeiter- und- Bauern-Macht ist von niemanden erpreßbar.

Wer bewußt die Konfrontation sucht und schürt, der hat nicht die Interessen des Volkes im Sinn, der beeinträchtigt das gesellschaftliche Leben und verfolgt sehr eigennützig politische Ziele. Wer verantwortungslos Ruhe und Ordnung stört, der muß sich fragen lassen, wessen Geschäft er betreibt und ist, die Sicherheit von Bürgern, ihren Familien und nicht zuletzt ihrer für wen er bereit Kinder aufs Spiel zu setzen. Ich bin überzeugt, daß der Rat der Stadt Halle und sein Oberbürgermeister stets bereit sind, die Diskussion mit allen zu führen, denen das Wohl und Wehe der Bürger am Herzen liegt. Dazu bedarf es guten Willens. Die Gespräche sollten im vernünftigem Rahmen und nicht durch Straßenaktionen geführt werden.“


Er lügt das Blaue vom Himmel. In seiner Stadt ist fast nichts passiert. Tausende Bürger haben sich geirrt, Ärzte keine Verletzungen gesehen. Kein Wort vom größten Polizeiaufgebot seit dem 17.Juni 1953. 
Lügen, immer wieder Lügen.

Für den nächsten Montag habe ich unter einem Vorwand meinen Haushaltstag beantragt. Es ist immer noch schwierig den wahren Grund zu nennen. Sicher hätte ich dann nicht frei, sondern die STASI am Hals. 
Egal was passiert: Am Montag sind wir dabei!


Am Nachmittag fahre ich nach Halle. Seit einigen Tagen gibt es an der Kirche St. Georgen eine Mahnwache für die Inhaftierten vom 9.Oktober. Dort erhalte ich endlich die ersehnten Informationen. Es ist zwar immer noch ein Risiko dort hinzugehen, aber meine STASI-Akte ist 20 Jahre dick und wird es verkraften.
Ich bewundere den Mut der meist jungen Leute, die dort unter massiver Bewachung Tag und Nacht ausharren. Ich kaufe Kerzen, stelle sie zu den anderen, tapfer gegen den Wind ankämpfenden, auf die Mauer."

Ich habe im Internet Fotos aus diesen Tagen gefunden. Aber die kann ich nicht zeigen. Deshalb hier ein Link: https://snapshot-photography.spratshop.com/#s//2974/628368

 

Montag, 16.Oktober 89

Gegen 16.30 Uhr fahren wir in die Altstadt. Meinem Sohn sage ich nur: „Mach dir keine Sorgen. Wir kommen bestimmt wieder.“
Sicher bin ich mir allerdings nicht.
Auf dem Markt werden Zettel verteilt. Gestern war in der Pauluskirche eine Bürgerversammlung und ein Ergebnis ist der folgende

AUFRUF ZUR GEWALTLOSIGKEIT IN UNSERER STADT

Gewalt ist kein Mittel zur Lösung von  gesellschaftlichen Konflikten.
Angesichts der aktuellen Situation in unserer Stadt halten wir jetzt für das Wichtigste:
1. Selbstverpflichtung zur strikten Gewaltfreiheit
2. Keine Gewalt der Sicherheitsorgane gegen die Teilnehmer friedlicher          Zusammenkünfte
3. Keine Diffamierung und Kriminalisierung von reformengagierten Personen   und Gruppen
4. Offene und wahrheitsgetreue Berichterstattung in den Medien
5. Versammlungs- und Redefreiheit
6. Bereitstellung von Räumen und Plätzen zur öffentlichen Diskussion
(zum Beispiel in Klubhäusern, Jugendklubs und auf städtischen Freianlagen)

Halle/Saale, den 15.Oktober 1989         Bürgerversammlung in der Pauluskirche



Mit dem Schlagen der Uhr im Roten Turm um Fünf beginnt die Kundgebung. Schweigend stehen wir und mit uns vielleicht 3000 ? - Blumen oder Kerzen in den Händen- auf dem Markt. Es ist keine Polizei zu sehen. Aber STASI beobachtet und filmt uns von dem Neubau an der Südecke des Platzes und den großen Kaufhäusern. Der Verkehr wird nicht behindert.
Ich sehe mich um. Es sind alle Altersgruppen und Schichten vertreten. Einfach die unterschiedlichsten Menschen mit dem gleichen Ziel: Wir wollen endlich freie, mündige Bürger sein. Nach einer Stunde formiert sich der erste Demonstrationszug in Halle. Wir gehen langsam mit unseren Kerzen an der Marktkirche (die heute aus Sicherheitsgründen geschlossen bleibt) vorbei zur Moritzkirche. Sie ist bereits überfüllt. Weiter zur Elisabethkirche. Dort findet 18.30 Uhr ein Friedensgebet statt. Dechant Herold spricht mit einfachen klaren Worten das aus, was uns alle bewegt. Gänsehaut als  ich zum ersten Mal Beifall, stürmischen Applaus in einer Kirche, einer katholischen Kirche, erlebe. 
 
Alle sind sich einig: Wir haben einen historischen Tag erlebt! Er  wird alles verändern. Die Honecker-Clique hat ausgespielt. OHNE GEWALT haben wir sie entmachtet. Wir lassen uns nicht mehr mit Erklärungen abspeisen,
WIR KLAGEN EIN !

Nach dem Gebet gehen wir zur Mahnwache St. Georgen und stellen unsere Kerzen zu den Hunderten, die bereits brennen. Viele Autos am Knoten 46 (zwischen den beiden Kirchen) hupen Solidarität.

Zu Hause dann die neuen Bilder aus Leipzig. Viele Zehntausende sind es dort. Weit über Hunderttausend im ganzen Land. Friedlich fordernd.


Donnerstag, 9. Oktober 2014

09.Oktober 1989

Wenn ich in diesem Lande was zu sagen hätte, wäre heute Feiertag! 
"Tag der Deutschen Einheit".
Denn wenn ein Tag wirklich wichtig war in der Geschichte der friedlichen Revolution, dann dieser Montag. Dieser 09.Oktober 1989. An diesem Tag wurden die Weichen gestellt für alles, was danach geschah!




"  9.25 Uhr schalte ich aktuelle „Aktuelle Kamera“ ein. Kein Wort über die Zustände in der DDR. 
Nur Blablabla. Man kann es nicht mehr hören! Das sage ich auch einer Kollegin meines Vertrauens, welche die ehrenvolle Aufgabe hat als BGL*-Mitglied die Meinungen der Belegschaft auszukundschaften. Ihr erzähle ich auch meine Erlebnisse und Gefühle in der Kirche und auf dem Markt am 7.Oktober.

Inzwischen weiß ich, wem ich Vertrauliches sagen kann und wer die STASI-Spitzel unter uns sind. Denen erzähle ich gewisse Dinge so, dass sie prompt dort hinkommen, wo sie gehört werden sollen. Ich habe es ausprobiert. Mit Erfolg.



Wir wollten heute nach Leipzig zur Demo fahren. Es war unmöglich. Unterwegs trafen wir eine Verwandte. Sie arbeitet im Hauptbahnhof und sagte uns, dass es keinen Sinn hätte. Es ist alles abgesperrt und es wird niemand auf den Bahnsteig Richtung Leipzig gelassen.

Viele Menschen in Ost und West bewegt heute nur eine Frage: Was wird in Leipzig passieren? Gibt es die ersten Toten?

 
Zu Hause sitzend werde ich immer ängstlicher. Erschreckend viele STASI-Leute vom Samstag sind meine Kunden. Sie kennen mich und wissen genau wo sie mich finden. Doch ich werde nicht abgeholt!

Abends stehe ich im Laden und schon die ersten Kunden kurz nach sieben erzählen mir von den Zuständen in Halle. Sie kommen jetzt erst von der Arbeit. Polizeiketten riegeln die Innenstadt ab. Straßenbahnen müssen am Markt durchfahren. Völlig Unbeteiligte werden geschlagen, es gibt zahlreiche Verletzte. Staatsterror!
Am schlimmsten trifft es die Besucher der Montagsmesse in der Marktkirche. 
Das bereits am Samstag befürchtetet tritt ein: Der enge Schlauch zwischen Treppe und Marktplatz, wird zur Falle. Der Notausgang der Kirche muss geöffnet werden und der Obermarkt ist absolut dicht. Dort wird willkürlich auf LKW verladen und abtransportiert. 
Menschenjagd in Halle. 
Ich fahre nach 21.00 Uhr zum Markt. Es ist relativ ruhig, aber schon allein das riesige Polizeiaufgebot erinnert mich fatal an Filmszenen aus der Nazizeit.



In Leipzig gab es einen „Aufruf zur Gewaltlosigkeit“.

Unterzeichnet von namhaften Bürgern der Messestadt, unter ihnen Kurt Masur
Die Vernunft siegte gegen Armee und Polizei.

Die Krankenhäuser und Leichenhallen blieben -Gott und den Menschen sei Dank- leer.

Zehntausende demonstrierten friedlich und lösten die Oktoberrevolution 1989 aus.

Damit wurde der Riesendruck von uns genommen. Unser Weg auf die Straße ist der Richtige.



In unseren Medien wird wieder über alles geschwiegen.

Keine Mitteilungen von den Demos in vielen großen Städten unseres Landes.

Nichts, absolut nichts.

Ohne ARD und ZDF wäre die Interessierte, Fragende hilflos."



* BetriebsGewerkschaftsLeitung

Auszüge aus: Wer zu spät kommt.... von M. Richter

Dienstag, 7. Oktober 2014

07. Oktober 1989

In der DDR war der 7.Oktober ein Feiertag, einfach ein arbeitsfreier Tag ohne Verpflichtungen. Man wollte und sollte den 40. Geburtstag der Republik feiern. In Berlin gab es wieder eine Militärparade und Honecker und Gorbatschow saßen ganz vorn! 

Aber es gärte im ganzen Land und kaum einer hatte Lust zum Feiern. Man wartete. Auf irgendein Zeichen, irgendwas eben.



"Samstag,7.Oktober 89

Wir sind in Halle und bummeln durch die Stadt. Kurz vor Sechs rufen uns die Glocken der Marktkirche. Wir gehen hinein. Die Kirche ist sehr voll, aber wir sitzen. Neben uns, gut zuerkennen an den „unauffälligen“ Schneejeans, junge STASI-Leute. 
Kribbeln im Bauch. Wir hören zum ersten Mal seit Wochen die Wahrheit, nicht von ARD und ZDF, nein in Halle an der Saale in der DDR.

Nach der Andacht versammeln sich alle auf dem Kirchenvorplatz zwischen Treppe zum Hallmarkt und Obermarkt. Der „Halle-Basar“ ist noch nicht beendet, überall stehen noch Verkaufsbuden. Schweigend stehen wir da und harren der Dinge, die kommen könnten. Einige schreien jetzt: „Wir wollen raus.“ Die meisten Kirchenbesucher gehen langsam nach Hause. Wir sind aufgewühlt, laufen quer über den Markt in Richtung „Zum Roland“, wollen sitzen und reden. Überall Dreiergruppen STASI, wir sehen auch Polizei-LKW.
Während wir in der Gaststätte sind, kommt es auf dem Markt zu einer Konfrontation. Wir bemerken nichts, sind nur plötzlich die letzten Gäste und müssen durch den Hintereingang gehen. Draußen ist immer noch viel Polizei und vor allem STASI. Einige kenne ich und sie mich. Wir beobachten das ganze noch ein Weilchen. Es ist ziemlich ungemütlich.

 
Zu Hause dann die Fernsehbilder von Leipzig und Berlin. Da wurden Demonstanten zusammengeknüppelt. Die Meldung: „Auch in Halle gab es Zwischenfälle.“ 

Erschütternd. Nackte Gewalt gegen unbewaffnete Menschen. Aber die Wut ist schon zu groß! Schlagt uns zusammen, verhaftet uns! Es werden andere da sein. Irgendwann müssen Honecker und Konsorten doch begreifen, dass das Leben in diesem Land für uns nicht mehr lebenswert ist. Weglaufen oder verändern? Wir sind für hier bleiben und kämpfen.

Schluss mit Fackelmärschen und Paraden! Schluss mit Honeckers Reden. Auch in unserem Land gibt es intelligente Leute, die frei sprechen können und etwas zu sagen haben. Sie dürfen es aber bisher nur in den Westmedien."

Sonntag, 5. Oktober 2014

Anfang Oktober 1989

Ich bin nach einigen Tagen Krankenhaus wieder einsatzfähig und werde ab jetzt fast täglich berichten, wie das damals vor 25 Jahren war. Die Erinnerungen habe ich 1989-90 zeitnah aufgeschrieben und veröffentliche sie hier in meinem Blog zum ersten Mal. Wenn ich heute das Original lese, muss ich über die Ausdrucksweise von damals schmunzeln. Aber so haben wir gedacht und geredet. Ich will immer aus heutiger Sicht kommentieren und verbiete es mir dann doch selbst. Es soll authentisch bleiben.
Alles, was zwischen "Anführungszeichen und in Times-Schrift" steht, ist Originaltext. Werde auch die bisherigen Posts noch mal bearbeiten.

Heute ein paar Anmerkungen, wie wir uns damals kurz vorm " 40.Republikgeburtstag" fühlten.
In unserem Kaufhallenlager stapelten sich die beiseite gestellten Bückwaren, die wir auf dem Markt zum Feiertag verkaufen wollten. Die Versorgungslage war nicht so toll, aber jede Handelseinrichtung musste diesen über mehrere Tage laufenden "Halle Basar" mit Waren und Personal gestalten, ob sie wollte und konnte oder nicht. Privat hatte ich sogar  richtig Glück, denn meine alte WM 66 - Waschmaschine war schon seit Monaten kaputt und ich musste mit der Hand waschen. Es war einfach keine neue Maschine zu bekommen. Auf dem Hallmarkt war ein großes Zelt mit Elektrogeräten aufgebaut (mir fällt der Name der Technikbranche nicht mehr ein) und ich konnte Tatsache ein Waschhalbautomaten erstehen. Das war wie Weihnachten und Ostern am selben Tag.

Das konnte mich aber nicht über die angespannte Lage in der Bevölkerung täuschen. Alle hatten Fragen über Fragen und keiner gab uns eine Antwort darauf. Im Raucherraum der Kaufhalle wurden politische Debatten geführt. Ganz große Hoffnung hatten viele in Gorbatschow und "Glasnost und Perestroika". Er kam zu der Feierlichkeiten nach Berlin und sprach ja dann auch den historischen Satz "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben", (den ich als Titel für meine Erinnerungen gewählt habe) aber wirkliche Antworten hatte er auch nicht.

Übermorgen ist der 7.Oktober und dann gehts hier weiter!





Mittwoch, 24. September 2014

Ende September 1989



 

"Die Stimmung in der DDR wird immer mieser. Tausende sind schon gegangen,

Die Bilder aus Prag sind erschütternd! Die Zustände in den besetzten Botschaften katastrophal. Die DDR-Regierung muss handeln.

In einer Woche soll die Welt nach Berlin schauen. Auf die Jubelfeiern zum 40.Jahrestag.Deshalb muss etwas geschehen!


„Junge Welt“ vom 2.10.1989
„Humanitärer Akt

In dem Bestreben, die nicht von der Regierung der DDR herbei geführte unhaltbare Situation in den Botschaften der BRD in Prag und Warschau zu beenden, hat die Regierung der DDR nach Konsultationen mit den Regierungen der CSSR und Polens sowie mit der Regierung der BRD veranlaßt, daß die sich in diesen Botschaften rechtswidrig aufhaltenden Personen aus der DDR mit Zügen der Deutschen Reichsbahn über das Territorium der DDR in die BRD ausgewiesen werden. Der Vorgang vollzog sich auf Vorschlag der DDR- Regierung im Verlauf der Nacht vom 30.9.89 zum 1.10.89.“



Aber kaum war die Prager Botschaft geräumt, kamen bereits die nächsten Flüchtlinge. In kurzer Zeit sind erneut ca.10.000 Menschen in und vor der Botschaft. Die Bilder sind noch dramatischer und sie gehen um die Welt.

 Was ist das für ein Staat dem die Menschen weglaufen? In dieser Größenordnung?



Die Regierung leistet den Offenbarungseid und schließt die Grenze zur CSSR. Vorübergehend! 
Doch was ist in unserem Land schon vorübergehend? Keiner glaubt daran.



Und dann wird die Botschaft in Prag erneut geräumt. Die Menschen warten stundenlang in eisiger Kälte auf die Züge. Die nächste krasse  Fehlentscheidung:

Die Flüchtlinge fahren wieder über das Gebiet der DDR.

 Am 4.10. warten in Dresden Tausende vor dem Bahnhof auf die letzte Chance aus dem Gefängnis DDR auszubrechen. Polizeigrosseinsatz. Trotzdem kommt es zur erwarteten (oder geplanten) Eskalation. Der Bahnhof wird zerstört, viele Verletzte auf beiden Seiten. Hunderte Verhaftungen, darunter zahlreiche völlig unbeteiligte. 


Es reicht! Die Dresdner gehen auf die Straße.



In Leipzig gibt es schon seit Jahren jeden Montag Friedensgebete in der Nikolaikirche. ImSeptember 89 formieren sich nach den Gebeten die ersten Demonstrationen. Anfangs sind es Hunderte, die friedlich kundtun, dass sie hier bleiben wollen. Die STASI geht brutal gegen junge Frauen vor, junge Männer entreißen ihnen das Plakat. Als ich diese Bilder sehe, wird die Wut in mir so stark, dass ich mich jetzt engagieren muss!


Ende September und am 2.Oktober 89 sind es in Leipzig Tausende, die
demonstrieren und von Polizei und Stasi zusammengeknüppelt werden. Sie rufen „Wir sind das Volk!“ und „Wir bleiben hier.“

Auszug aus: Wer zu spät kommt.... von M.Richter



 

Donnerstag, 11. September 2014

Der Zaun geht auf.....



Wir haben diese Zeit damals innerlich aufgewühlt erlebt und meine Aufzeichnung sind zu lückenhaft. Vieles hat man ja auch erst später rekonstruiert. Deshalb dieser Link:
http://www.chronik-der-mauer.de/index.php/de/Home/Index
Ich finde die Darstellung sehr gut, realistisch und mit Dokumenten belegt. Jeder der wissen will, wie das damals war, sollte reinlesen. Es lohnt sich.
 
"In den Sommerferien hatten viele Menschen ihren Urlaub in Ungarn genutzt, um nicht zurückzukommen. Sie waren und blieben dort und wollten weiter.
Am 11.9.89 öffnet Ungarn die Grenze zu Österreich und lässt die Menschen gehen. Man konnte weiter aber Visa beantragen und reisen, das tun dann auch  immer mehr Menschen. 
Unsere Medien schweigen! 
Leipziger Messe ohne Honecker. Er ist krank. Hypnotisiert die gesamte Regierung. Sprachlosigkeit und Handlungsunfähigkeit sind das Ergebnis. Tausende verlassen unser Land. Zuerst über Ungarn.
Ende September werden die Botschaften in Prag und Warschau besetzt.
Unsere Medien schweigen!

Am 10.September hat sich das NEUE FORUM als erste oppositionelle Gruppe gebildet. Sie beantragen die Zulassung als politische Vereinigung und werden als staatsfeindlich abgelehnt.

Unsere Medien schweigen!
Einzige Informationsquellen sind ARD, ZDF und RIAS 2.
Dort wird ausführlich berichtet. Für unsere alten Männer zu ausführlich. Sie wollen nur die westliche Propaganda sehen: Der Klassenfeind holt sich unsere Leute. Entsprechend hart und falsch wird reagiert.
Was ist staatsfeindlich? Laut „Junge Welt“ vom 23./24.9.89:   Alles!!! 
Trotzdem ist die „Junge Welt“ die erste Zeitung, die zumindest reagiert.
Die einzige, die teilweise lesbar wird."

Auszug aus: Wer zu spät kommt.... von M.Richter